Es war einmal ein Stück Kreide, das lag dösend vor der großen Wandtafel und wartete auf seinen Einsatz.
Eines Tages war es soweit:
Der Lehrer befreite es aus seiner Hülle und begann, damit zu schreiben. Es tat ein bisschen weh, und doch freute sich die Kreide darüber, nun das zu tun, zu dem sie bestimmt war.
Eine ganze Schulklasse staunte über ihre mal feineren, mal flächigeren Linien. Aber - die reine Begeisterung kehrte nicht ein. Da die Kreide nicht dumm war, begriff sie gleich, dass die Kinder so verhalten reagierten, weil sie alles lernen mussten, was die Kreide an die Tafel schrieb. Und das störte den Genuss an den schönen Buchstaben.
Deshalb beschloß die Kreide, sich genau einzuprägen, wie man Linien zieht. Dann erhob sie sich eines Nachts aus ihrer Schale und begab sich allein an die blankgeputzte Tafel. Und nun zeichnete sie, was sie in einem Buch des Lehrers auf dem Pult sah:
Ein wunderbar gewölbtes Pferd, ein krauswolliges Schaf, eine sperrig gehörnte Ziege. Rundherum schuf sie Bäume und im Hintergrund ein Haus, aus dem eine Frau ihrem Mann nachwinkte, der zur Arbeit ging. Zuletzt schraffierte die Kreide, die nur noch ein kleiner Stummel war, das viele üppige Gras, und zwar solange, bis sie ihr letztes Körnchen hingegeben hatte...
Da höhnte laut und frech ein noch ganzes Stück Kreide: "Das hast du nun von deiner ungezügelten Spielerei. Jetzt bist du hin und hättest doch noch viele Tage leben können."
Die Kreide konnte nicht mehr antworten...aber -
für sie sprach das Bild von der Tafel: "Ja siehst du denn nicht, was aus mir geworden ist? Ich bin noch da, nur anders. Ich bin jetzt ein Bild, eine Szene. Die Kinder werden begeistert sein und sich riesig freuen." "Jaja, vielleicht - doch dann putzt der Lehrer dich weg."
"Na schön, damit könntest du Recht haben. Das steht auch dir bevor..ob in einer kürzeren oder längeren Zeit.....Aber ich habe wenigstens richtig und mit Freude und Vergnügen gelebt".
"Und vielleicht tue ich diesem oder jenem Kind so gut, dass es gerne an das Tafelbild denkt und dann versucht sein eigenes, fröhliches Bild zu malen. Und dann wird es glücklich und zufrieden sein...
Denn Einige wissen ja noch gar nicht, dass man das Vergängliche wirklich bannen kann. Das aus Altem Neues und Schöneres entstehen kann.
Der eine putzt mich vielleicht weg, der andere aber macht Bilder nach meinem Vorbild. Das alles ist nämlich der Lauf der Dinge, den man Leben nennt..darum bin ich mit meinem Schicksal zufrieden, so wie es ist."