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Hypnose bei Schmerz 27.08.2011
  Interessanter Beitrag in Bild der Wissenschaft

  Für Gerard Sunnen war es das Schlüsselerlebnis. Als junger Assistenzarzt an einem Krankenhaus in New York sollte er einer Patientin einen Tumor am Arm entfernen. Eigentlich ein harmloser Eingriff, aber die Frau war allergisch gegen chemische Narkosemittel. Sunnen wußte, daß man die Wahrnehmung von Schmerzen auch mit Hypnose beeinflussen kann. Er hatte gehört, daß sogar schon viel schwerere Operationen unter "hypnotischer Anästhesie" vorgenommen worden waren. Nach anfänglichem Zögern traute er sich - "und alles ging gut", wie er sich erinnert: "Der Erfolg hat mich tief beeindruckt." Heute ist Sunnen Professor für Psychiatrie an der Universität New York - und überzeugter Hypnotherapeut. Warum die meisten Ärzte diese Behandlung nach wie vor ignorieren, ist ihm rätselhaft. Gerade bei Schmerzen ist die Wirksamkeit von Hypnose eindrucksvoll dokumentiert. Schon vor 150 Jahren, als es noch keine chemischen Narkotika gab, operierte der Engländer James Esdaile in Indien über 1000mal hypnotisierte Patienten, von Star-Operationen - der Entfernung getrübter Augenlinsen - bis zu Penis-Amputationen. Aber auch Esdaile konnte nicht verhindern, daß das Wissen um die Wirkung der Hypnose verlorenging, als ab 1850 chemische Betäubungsmittel wie Äther, Chloroform und Lachgas eingeführt wurden. Verlorenes Wissen

Prof. Reza Schirmohammadi war viele Jahre Chefarzt der Intensiv- und Anästhesieabteilung an einer Klinik in Schleiden in der Eifel, bevor er in Köln eine eigene naturheilkundliche Praxis eröffnete. Er gehört zu den führenden Schmerzexperten in der Deutschen Gesellschaft für Hypnose (DGH). Und er kennt die üblichen Vorbehalte. Darum bittet er seine Patienten, bevor er sie zum ersten Mal in Trance versetzt, grundsätzlich um Zustimmung zu einem kleinen Experiment. Wenn er sicher ist, daß sie sich in Trance befinden, piekst er sie mit einer Nadel in den Arm. Er bittet eigens die Arzthelferin als Zeugin hinzu, verschließt die Wunde mit einem Pflaster und dokumentiert das Ganze in einem Videofilm. Bislang habe sich noch kein Patient an den Schmerzreiz erinnern können. Und spätestens, wenn er ihnen das Video zeige, seien sie von der Realität der Trance überzeugt, sagt Schirmohammadi.

Von manchen Theorien, wie Hypnose die Schmerzwahrnehmung dämpft, mußten Forscher schon Abschied nehmen. So etwa von der Vermutung, daß im Zustand der Trance sogenannte Endorphine aktiv werden. Diese Botenstoffe entstehen in der Hirnanhangdrüse (Hypophyse), und man weiß, daß sie - ähnlich wie Morphium - Schmerzen lindern. Mittlerweile gilt die Endorphin-Theorie als erledigt: Bei Versuchspersonen blieb die Wirkung der Hypnose auch dann bestehen, wenn sie gleichzeitig ein Medikament bekamen, das die Wirkung der Endorphine aufhebt. Um so ergiebiger waren Experimente mit Hirnstrommessungen und modernen bildgebenden Verfahren. Unter "hypnotischer Anästhesie" kommt es zu typischen Veränderungen in Gehirnarealen, in denen Schmerzreize verarbeitet werden. Bei freiwilligen Testpersonen, denen in Trance Schmerzen zugefügt wurden, beobachtete Helen Crawford, Psychologin an der Universität Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia, eine erhöhte Durchblutung speziell in vorderen Hirnregionen. Sie hält es für möglich, daß das hypnotisierte Gehirn Schmerzreize einfach für "irrelevant" erklärt. Der Schmerz wird registriert - aber nicht gefühlt. Schmerz irrelevant

Herausragende Bedeutung hat schließlich eine Beobachtung, die Prof. Brian D. Kiernan 1995 an der Universität von Virginia machte. Er hatte einen bestimmten Reflex im Rückenmark untersucht, der normalerweise durch Schmerzreize ausgelöst wird. Das Ergebnis war eindeutig. Bei Menschen in Trance ist dieser Schmerzreflex wesentlich weniger ausgeprägt als bei Kontrollpersonen. Mehr noch: Je schwächer der Reflex, desto geringer war auch der subjektiv empfundene Schmerz, von dem die Probanden berichteten - eines der bislang deutlichsten Indizien dafür, daß es unter Hypnose zu einer echten Linderung von Schmerzen kommt und sich Menschen diesen Effekt nicht nur einbilden.

"Das wichtigste Argument gegen die Hypnose in der Medizin ist der erhebliche Zeitaufwand, den sie braucht", erklärt der Stuttgarter Zahnarzt Albrecht Schmierer. Er versteht die Hypnose vor allem als "Hilfe zur Selbsthilfe". Techniken zur reinen Entspannung und zum Abbau von Ängsten gehören in seiner Praxis zum Alltag. Auch bei Kindern setzt er sie routinemäßig ein. Bei den meisten Patienten genüge die Anwendung eines Hypnose-Tonbandes, "um sie in eine angenehme Trance zu versetzen". Bei echten Spritzenängsten oder Würgereflexen kann sich die Vorbereitung des Patienten aber auch über Wochen und Monate erstrecken. Operationen ohne jede chemische Narkose bleiben bei ihm die Ausnahme. Für sie würden sich ohnehin nur die rund 10 Prozent der Bevölkerung eignen, die als "hochsuggestibel" gelten und in einen Zustand der "Tiefentrance" abgleiten können. Doch bei rund 80 Prozent der Patienten lasse sich erreichen, daß sie Schmerzen weniger deutlich spüren, so daß "in der Regel ein Viertel der üblichen Dosis an Lokalanästhetika genügt, um völlige Schmerzfreiheit unter Hypnose zu erzielen". Hilfe zur Selbsthilfe

Daß sich Schmerzen in Trance grundsätzlich beeinflussen lassen, ist ernsthaft nicht zu bestreiten. Nur orientiert sich die Hypnotherapie grundsätzlich am einzelnen Menschen, so daß sie niemals ein Standardwerkzeug sein wird wie die Schmerzpille. Ob man ihre Wirkmechanismen jemals vollständig durchschauen wird, weiß heute keiner. Doch sie hat sich der Schulmedizin zuweilen als überlegen gezeigt. Sogar langjährige Phantomschmerzen sind unter Hypnose verschwunden. Richard Neves, Präsident der amerikanischen Gesellschaft für Hypnotherapie in Kalifornien, fand für die Wirkung einen bildhaften Vergleich: Wo er früher den chirurgischen Hammer eingesetzt habe, um vernarbtes Nervengewebe in Amputationsstümpfen zu entfernen oder Nervenbahnen zu blockieren, erscheine ihm nun die Hypnotherapie im Vergleich dazu "leicht wie eine Feder".
   
Eingestellt von*:   Sven Frank
Zugeordnet: HypnoseKategorieAusbildung
   
   


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